

Der
Erzengel
Der Paderborner Weinkrüger war nicht nur irgendein Lokal, sondern ein Ort, an dem auch bekannte Persönlichkeiten einkehrten.
Michail Gorbatschow war 1998 dort zu Gast, Helmut Kohl ebenfalls mehrfach.
Das muss man auch erstmal hinbekommen: ein Haus, in dem Weltpolitik und westfälische Kneipenkultur zumindest zeitweise unter einem Dach zusammentreffen.
Und dann war da noch das Meinkrüger – vielleicht eine der sympathischsten Übergangslösungen, die man sich denken kann. Aus dem „W“ wurde ein „M“, und plötzlich war aus dem Weinkrüger eben „mein Krüger“ geworden. Kein großes Theater, kein Marketing-Spektakel – nur eine gute Idee mit Witz. Genau solche Geschichten sind es, die zu diesem Haus passen.
Der Erzengel war nie bloß eine Adresse.
Er war immer auch Treffpunkt, Stammplatz, Zwischenstation, Diskussionsraum, Feierabendrettung und Geschichtenlager. Hier saßen Handwerker, Kaufleute, Stammgäste, Neugierige, Durchreisende, Prominente und Menschen, die einfach nur in Ruhe ein Bier trinken wollten.
Und genau darum geht es bis heute.
Denn wenn ein Haus über so viele Jahrzehnte Bestand hat, dann nicht, weil es geschniegelt und glatt wäre. Sondern weil es Charakter hat. Weil Menschen wiederkommen. Weil Geschichten bleiben. Und weil man sich hier bis heute auf etwas verlassen kann, das in Paderborn durchaus zählt:
Wenn die Atmosphäre stimmt, muss keiner viel reden. Dann weiß man auch so, dass man am richtigen Ort ist.
Wo das 11. Gebot zuhause ist.
Jedes gute Haus hat seine Geschichten.
Der Erzengel hat gleich mehrere. Und manche davon sind so schön, dass man sie nicht erfinden müsste – selbst wenn man es könnte.
Eine der bekanntesten führt direkt ins Herz der alten Paderborner Wirtshauskultur. Vor dem Erzengel posierte einst die Wirtshausgesellschaft, die sich bei ihrem fröhlichen Treiben auf den berühmten „§11“ berief. Dieser erfundene Paragraph wurde auch als „11. Gebot“ bekannt – und in Paderborn lautete das ganz unmissverständlich:
„Du sollst weiter saufen.“
Das ist natürlich historisch als augenzwinkernder Wirtshausspruch zu verstehen – aber eben auch als Ausdruck einer sehr eigenen lokalen Geselligkeit. Man saß zusammen, man blieb sitzen, man ließ den Abend nicht unnötig früh enden. In Ostwestfalen macht man eben nicht viel Gewese um gute Gesellschaft. Man bleibt einfach da. Und bestellt vielleicht noch eine Runde.
Auch die Namensgeschichte des Hauses hat ihren eigenen Charme. Der Name „Erzengel“ geht auf die Gastwirtsfamilie Gabriel zurück. Aus dem Familiennamen wurde im Volksmund der Hausname – und der hielt sich hartnäckig, selbst als die Familie Gabriel die Gastwirtschaft längst aufgegeben hatte.
Ein guter Name verschwindet eben nicht so leicht.
Vor allem dann nicht, wenn halb Paderborn weiß, wo man gemeint ist.
Später kam dann die Weinkrüger-Zeit, die das Haus über Jahrzehnte prägte. Auch hier gibt es Geschichten, die man gerne weitererzählt
Michail Gorbatschow kehrte 1998 im Weinkrüger ein.
Auch Helmut Kohl war bei seinen Paderborn-Besuchen mehrfach zu Gast.
Wat lernen wir daraus?
Am Ende wollen se alle irgendwo vernünftig sitzen.
2016 war dann Schluss. Der Weinkrüger schloss.
Aber mit Schluss is dat bei alten Kneipen ja immer so eine Sache.
2018 übernahm Ulrike „Uschi“ Krutschinski das Haus für eine Übergangszeit.
Und dann passierte etwas, wat eigentlich wunderbar zu Paderborn passt.
Da stand nun Weinkrüger am Haus.
Aus dem Weinkrüger sollte aber der Meinkrüger werden.
Also hätte man natürlich einen komplett neuen Schriftzug anfertigen lassen können.
Hat man aber nich.
Dat W wurde einfach umgedreht.
Fertig war der Meinkrüger.
Mehr westfälischen Pragmatismus krisse für Geld auch nich.
Von Anfang an war allerdings klar, dass diese Nutzung nur vorübergehend sein würde. Die Stadt plante bereits die umfassende Sanierung des Gebäudeensembles aus Erzengel und Adam-und-Eva-Haus.
Dann kam 2020 Corona, der Meinkrüger schloss und anschließend wurde hier gründlich saniert.
Ziel war, dat zu schaffen, wat bei historischen Gebäuden immer ein kleiner Drahtseilakt is: dat Alte bewahren, ohne im Alten stehenzubleiben.
2023 waren die Arbeiten abgeschlossen.
Seitdem sind Erzengel und Adam-und-Eva-Haus über mehrere Übergänge miteinander verbunden. Im Nachbargebäude befinden sich eine Open Library und die Verwaltung der Stadtbibliothek.
Nebenan Bücher, hier Bier. Kannste sagen, watte willst: kulturell sind wa damit ziemlich breit aufgestellt.
Im Dezember 2024 begann schließlich dat nächste Kapitel.
Petra und Carsten Brüseke, in Paderborn durch die Tuba längst keine Unbekannten, eröffneten den Erzengel neu.
Und seitdem soll dieses alte Haus wieder genau dat sein, wat es über Jahrhunderte immer wieder gewesen ist:
Ein Ort zum Einkehren.
Zum Essen und Trinken.
Zum Reden und Zuhören.
Zum Musikmachen.
Zum Feiern.
Zum Leute treffen, die man treffen wollte.
Und manchmal auch solche, bei denen man gehofft hatte, sie wären heute woanders.
Is halt Kneipe.
Vor allem aber geht es darum, alte Paderborner Kneipenkultur nich hinter Glas zu stellen und ehrfürchtig anzugucken.
Die muss man benutzen.
Denn der Erzengel is kein Themenlokal auf alt gemacht.
Er is wirklich alt.
Dat Fachwerk is echt.
Der Gewölbekeller is echt.
Die Geschichte is echt.
Und trotzdem soll hier kein Museum entstehen.
Denn so ein Haus bleibt nur lebendig, wenn Menschen reinkommen, zusammensitzen, erzählen, lachen, essen, trinken, Musik machen und irgendwann sagen:
„Einen können wa noch.“
So war dat früher.
So is dat heute.
Und wenn’s nach uns geht, bleibt dat auch noch ’ne ganze Weile so.
Ein Gewölbekeller
und ganz viel Geschichte
Der Erzengel inne Hathumarstraße 9 is kein Laden, der sich gestern überlegt hat, jetzt mal ordentlich auf alt zu machen. Dat Haus is alt. Und zwar wirklich.
Gebaut wurde es 1650. Damit gehört es zu den alten Häusern, die dat Bild der Paderborner Innenstadt bis heute prägen. Ein ehemaliges Fachwerk-Dielenhaus – also eins von den Häusern, in denen nich bloß gewohnt wurde. Hier wurde gearbeitet, gehandelt, gegessen, erzählt und wahrscheinlich auch damals schon über Dinge diskutiert, die einen eigentlich gar nix angingen.
Die ersten Bewohner waren nämlich keine klassischen Ackerbürger. Hier lebten vor allem Handwerker und Kaufleute. Ein bisschen Landwirtschaft gehörte zwar dazu, aber dat Vieh stand nich mitten inne Diele, sondern vernünftig hinten in gesonderten Ställen.
Die große Diele war dafür dat eigentliche Herzstück vom Haus: Arbeitsraum, Aufenthaltsraum und Lebensmittelpunkt in einem.
Heute würde man wahrscheinlich „multifunktionales Raumkonzept“ dazu sagen. Damals hieß dat einfach Haus.
Und dann haben wir da noch unseren Gewölbekeller aus dem 17. Jahrhundert.
Der is nich nachgebaut. Der is nich künstlich auf alt getrimmt. Der war schon da, als an Cocktails, Kühlschränke und Online-Tischreservierungen noch lange keiner gedacht hat.
Solche Keller hatten schließlich einen handfesten Zweck. Da unten war es kühl und sicher. Also kamen Waren, Vorräte, Truhen und Fässer hinein. Auch daran kann man sehen, dass dieses Haus lange Zeit eben nich nur Wohnhaus war, sondern auch Handels- und Wirtschaftsort.
Und Fässer im Keller – da sind wa vom heutigen Kneipenbetrieb ja gar nich mehr so weit entfernt.
Spätestens seit dem 19. Jahrhundert ist hier dann auch eine Gastwirtschaft belegt. Der erste Schankwirt, den wir namentlich kennen, hieß Friedrich Gabriel. Und weil ihm offenbar eine Kneipe allein noch nich genug Arbeit war, betrieb er in den oberen Stockwerken gleich noch eine Pension.
Und dann kommt der Name ins Spiel.
Aus Gabriel entwickelte sich im Paderborner Volksmund irgendwann der „Erzengel“.
Warum kompliziert, wenn et auch himmlisch geht?
Die Anspielung passte jedenfalls so gut, dass sie geblieben ist. Und wenn man bedenkt, dass der Erzengel Gabriel als göttlicher Bote gilt, passt dat eigentlich bis heute ganz wunderbar.
Denn Nachrichten wurden in diesem Haus vermutlich reichlich überbracht.
„Hasse schon gehört?“ dürfte jedenfalls deutlich älter sein als WhatsApp.
Hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht, Geschichten weitererzählt und Dinge verkündet, die der Betroffene mitunter selbst noch gar nich wusste.
Eine vernünftige Kneipe eben.
Anfang des 20. Jahrhunderts war der Erzengel längst mehr als nur eine Schankwirtschaft. Er war Treffpunkt, Stammhaus und gesellschaftlicher Ort.
Hier wurde zusammengesessen, diskutiert, musiziert und erzählt. Und wir wollen mal nich so tun, als hätte man dabei ausschließlich Mineralwasser getrunken.
Aus dieser Zeit stammt auch die Verbindung zur Paderborner Wirtshausgesellschaft und ihrem legendären 11. Gebot.
Dat muss man sich auch erstmal auf der Zunge zergehen lassen: Zehn Gebote waren vorhanden – und ausgerechnet die Paderborner kamen zu dem Schluss, da fehlt noch eins.
Aber dazu an anderer Stelle mehr
Ein neues Kapitel begann 1977. Die Stadt Paderborn übernahm das Gebäude und im Zusammenhang mit der Erweiterung des Stadtmuseums wurde hier eine Filiale der deutschlandweit auftretenden Weinkrüger Weinhandels- und Gaststätten GmbH eröffnet.
Und jetzt wird’s kurios.
Die Marke Weinkrüger gehörte tatsächlich zur British American Tobacco. Man wollte sich damals gastronomisch breiter aufstellen.
Der große Plan ging langfristig nich überall auf. Einige Lokale verschwanden wieder.
Aber der Paderborner Weinkrüger blieb.
Und blieb.
Und irgendwann war er selber ein Stück Paderborn.
Über Jahrzehnte gingen hier Generationen ein und aus. Und hin und wieder kam auch jemand durch die Tür, bei dem man zweimal hinguckte.

Geschichten &
Anekdoten

Vom kleinen Mann bis zur großen Politik.
Hier stand die Welt am Tresen.
Der Erzengel ist eine Kneipe. Und gleichzeitig ein bisschen mehr.
Wir möchten einen Ort schaffen, an dem Menschen gerne zusammenkommen – zum Essen und Trinken, zum Reden und Zuhören, zum Lachen, Spielen, Singen und Musikmachen. Einen Ort, an dem man sich verabredet oder einfach hereinkommt und schaut, wer schon da ist.
Dabei ist uns wichtig, dass sich bei uns möglichst viele unterschiedliche Menschen wohlfühlen können.
Offenheit, Toleranz und gegenseitiger Respekt gehören für uns deshalb nicht ins Kleingedruckte, sondern mitten ins Haus. Herkunft, Alter, Lebensentwurf oder persönliche Voraussetzungen sollen keine Rolle dabei spielen, ob jemand bei uns dazugehört. Gastfreundschaft bedeutet für uns, Menschen willkommen zu heißen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.
Der Erzengel verbindet dabei das, was dieses Haus seit Jahrhunderten ausmacht, mit dem, was heute darin entstehen kann.

Unsere Philosophie
Paderborner Geschichte trifft auf Gegenwart, Kneipenkultur auf Kulturprogramm, Tradition auf neue Ideen.
Konzerte, gemeinsames Singen, Quizabende und andere Veranstaltungen gehören für uns genauso dazu wie ein frisch gezapftes Bier, etwas Ordentliches zu essen und ein langer Abend am Tisch.
Wir möchten keinen Ort schaffen, an dem alles perfekt sein muss. Sondern einen, der lebendig, persönlich und echt ist. Einen Ort für Begegnungen, Gespräche und Geschichten – für Stammgäste genauso wie für Menschen, die zum ersten Mal durch unsere Tür kommen.
Denn am Ende ist eine gute Kneipe vor allem das, was die Menschen daraus machen.
Und dafür möchten wir im Erzengel den Raum geben.